Monatsarchiv für Februar 2007

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Todesfuge

Donnerstag, den 8. Februar 2007

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens
wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab
in den Lüften
da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus
der spielt mit den Schlangen
der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus
und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor
läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns
spielt nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags
wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus
und spielt mit den Schlangen
der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften
da liegt man nicht eng

Er ruft
stecht tiefer ins Erdreich ihr einen
ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt
er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen
ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags
wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft
streicht dunkler die Geigen
dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken
da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens
wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel
er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns
er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

(Paul Celan)

Still moving

Mittwoch, den 7. Februar 2007

Wherein war is expressed through the violent hieroglyphs of sound and motion. A scream is a shoulder. The profile of life. Raised are our instruments of torture. The lubricants of aggression and flesh. A blade of grass through the vortex of sound. Wound and winding bandages are distributed by boys posed before the spinal region of the parthenon. The columns. Words of sand / psalms of love and guerre coursing through our veins.

We are the adrenal people. We need action. Words we use up. We grind into powder like sex and death. A progression of sand modules. Calcium grains irritating the smooth throat of the sea of possibility. On the raft lies one overthrown with a hooked jaw and a blown ray gun. The eye of the sun. The eye of the son is washed with blue fluid. It is the father himself who removes the particle. Here we have the flaw in the weeding cloth. Here we have the ammunition and the essence of art/rat. Here we have the necessary component of charm for the construction of the fourteenth jewel transmitting the waves that leads to the gates which are closed and shackled.

Violent compression the abode of the blessed. Only the thumb of the father can undo the great lock or raise up the high tree. With weapons aimed high in akimo we do seek said finger.

Some of us serve as crusaders and some as flies squashed against a fence. We live a spartan existence. When we were seven the military swept us away like merchants of Venus and implanted with us our instruments of battle. What is art / rat?

I know sometimes exactly what to do to give people pleasure but its like this other thing comes out of me the desire not to communicate. Communicate, the desire not to communicate. I can’t say anything thats true, because I dont know. Truth changes moment to moment. I mean I really dont believe in anything. Resist! Resist!

The joint, the prick, the finger, the needle. The eye of the empire and the emperor crowned with communication. A peak hypodermic. Sometime of day God shoots up on it. The count of nails chooses to straddle it and sometimes the daughter of God chooses to face it. Chooses to shoot it under the tongue. Do you believe in God? He is my trainer. He is my trainer. I was trained to run toward a ribbon of tension. Attention! I was trained to run line and to selflessly face and feel the front.

My guitar weights. It weights less than a machine - gun and it never runs out of ammunition. I’m a leaping lizard, I’m leaping, I’m in a hurry. No I don’t plug in. I’m at the finish. I’m finishing. I step up to the microphone and I have no fear.

(Patti Smith)

Rampe

Dienstag, den 6. Februar 2007

Sie gehörte zu diesen Menschen, die immer etwas filigran wirken. Heller Teint, dunkle Jacke, Jeans und eine altmodische Umhängetasche, die an einem breiten Band bis fast an ihre Hüfte reichte. Ihre langen, dunklen Haare waren einfach gerade abgeschnitten. Die Art von Woodstock - Frisur, bei der nach ein oder zwei Tagen, in denen man sie nicht wusch, immer ein Ohr herausschielte. Oder beide. Ihre Haare aber waren gewaschen.

Sie spielte verloren mit einem schlichten Schlüsselbund während sie die Straße entlang ging. Ich weiss nicht ob sie es überhaupt bemerkte. Ihr Arm und ihre Hand taten genau das was sie vermutlich immer taten wenn sie lief. Sie fiel mir auf während ich im Auto an der Ampel stand und sie an mir vorbeiging. Das fast heimliche Spiel mit dem Schlüsselbund fiel mir auf. Nein, es sprang mich an aber ich glaube trotzdem nicht, dass es jemand bemerkte. Nicht einmal sie selbst.

Auf gleicher Höhe mit mir blieb sie plötzlich stehen, wandte mir den Rücken und sich einer Bank zu, die dort stand. Man musste zwei Stufen gehen um dorthin zu gelangen. Neben den Stufen eine kleine Rampe für Fahrräder oder Rollstühle. Ich wusste sie würde die Rampe nehmen. Man konnte sie leicht mit einem großen Schritt überwinden. Aber ich ahnte auch, dass sie das nicht tun würde. Sie würde ihre Schritte nicht verändern sondern genau auf die Mitte der Rampe treten. Sie würde ihren Körper ungemütlich nach hinten verlagern müßen aber das wäre ihr völlig egal solange sie keine Veränderung in ihrem Rhythmus vornehmen musste. Sie nahm die Rampe und sie trat genau auf die Mitte. Noch zwei Schritte. Dann drehte sie sich um und setzte sich.

Mir zugewandt nahm sie mich immer noch nicht wahr. Ich war nur ein Beobachter. Dann tat sie etwas Ungewöhnliches. Sie nahm die Hand mit dem Schlüsselbund, führte sie an ihren Hals, die Stelle direkt unter ihrem Ohr und ließ ihre Handfläche mit dem Schlüsselbund darin ganz langsam an ihrem Hals hinunter gleiten. Vorbei an ihrer Schulter bis kurz über ihre Brust. So wie man es mit Dingen tun würde, die sich sehr gut oder sogar erotisch anfühlen. So wie man nach einem anstrengenden Tag einen weichen, heissen Schwamm unter der Dusche benutzen würde. Ihr Gesicht veränderte sich dabei nicht. Es dauerte nur einen kurzen Moment. Dann ließ sie ihren Arm wieder sinken, saß kerzengrade auf ihrer Bank und starrte weiter geradeaus ins Leere. Spielte nicht mehr. Tat nichts.

Ich hatte die ganze Zeit gebannt zugesehen. Es war natürlich keine große Sache was sie da getan hatte aber ich war trotzdem tief in der Szenerie versunken. Nun da sie ihre seltsame Liebkosung beendet hatte, fühlte ich mich mit einem Ruck wieder in mein Auto an der Ampel versetzt. Ich atmete wieder. Ein Gefühl des sich orientieren müssen nachdem die Welt angehalten wurde und das vermutlich jeder hin und wieder erlebt.

Sie gehörte zu diesen Menschen, die immer etwas zerbrechlich wirken und bei denen man fast automatisch einen psychischen Defekt oder wenigstens eine Besonderheit annehmen würde. Ich nicht. Oder vielleicht weigerte ich mich nur. Ich mochte sie und ich mochte das was sie gerade getan hatte während die Ampel grün schaltete und es vorbei war.

(Michael Heinbockel)

Oh Captian! My Captain!

Montag, den 5. Februar 2007

O Captain! my Captain! our fearful trip is done,
The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won,
The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring;

But O heart! heart! heart!
O the bleeding drops of red!
Where on the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.

O Captain! my Captain! rise up and hear the bells;
Rise up– for you the flag is flung– for you the bugle trills,
For you bouquets and ribbon’d wreaths– for you the shores crowding,
For you they call, the swaying mass, their eager faces turning;

Here, Captain! dear father!
This arm beneath your head!
It is some dream that on the deck
You’ve fallen cold and dead.

My Captain does not answer, his lips are pale and still,
My father does not feel my arm, he has no pulse nor will;
The ship is anchor’d safe and sound, its voyage closed and done,
From fearful trip the victor ship comes in with object won;

Exult, O shores! and ring, O bells!
But I, with mournful tread,
Walk the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.

Walt Whitman (1819-1892)

In der Bibliothek

Sonntag, den 4. Februar 2007

Es gibt ein Buch, das heißt:
Die Enzyklopädie der Engel.
Fünfzig Jahre lang hat es niemand geöffnet.
Das weiß ich genau, denn als ich es aufschlug,
knackte es in den Deckeln, und die Seiten
fielen heraus. Dort entdeckte ich,

dass die Engel einst zahlreich waren
wie die Untertanen der Fliegen.
In der Dämmerung wimmelte
der Himmel von ihnen.
Man musste mit den Armen rudern,
um sie abzuhalten.

Jetzt scheint die Sonne
durch die hohen Fenster.
Die Bibliothek ist ganz still,
Engel & Götter lauern
in dunklen, nie geöffneten Büchern.
Das große Geheimnis steht
auf irgendeinem Regal, und Miss Jones
geht dreimal am Tag daran vorbei.

Sie ist so groß, dass sie den Kopf
immer seitwärts beugt, als lausche sie.
Die Bücher flüstern.
Ich höre nichts, sie aber versteht alles.

(Charles Simic)


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