Rampe
Sie gehörte zu diesen Menschen, die immer etwas filigran wirken. Heller Teint, dunkle Jacke, Jeans und eine altmodische Umhängetasche, die an einem breiten Band bis fast an ihre Hüfte reichte. Ihre langen, dunklen Haare waren einfach gerade abgeschnitten. Die Art von Woodstock - Frisur, bei der nach ein oder zwei Tagen, in denen man sie nicht wusch, immer ein Ohr herausschielte. Oder beide. Ihre Haare aber waren gewaschen.
Sie spielte verloren mit einem schlichten Schlüsselbund während sie die Straße entlang ging. Ich weiss nicht ob sie es überhaupt bemerkte. Ihr Arm und ihre Hand taten genau das was sie vermutlich immer taten wenn sie lief. Sie fiel mir auf während ich im Auto an der Ampel stand und sie an mir vorbeiging. Das fast heimliche Spiel mit dem Schlüsselbund fiel mir auf. Nein, es sprang mich an aber ich glaube trotzdem nicht, dass es jemand bemerkte. Nicht einmal sie selbst.
Auf gleicher Höhe mit mir blieb sie plötzlich stehen, wandte mir den Rücken und sich einer Bank zu, die dort stand. Man musste zwei Stufen gehen um dorthin zu gelangen. Neben den Stufen eine kleine Rampe für Fahrräder oder Rollstühle. Ich wusste sie würde die Rampe nehmen. Man konnte sie leicht mit einem großen Schritt überwinden. Aber ich ahnte auch, dass sie das nicht tun würde. Sie würde ihre Schritte nicht verändern sondern genau auf die Mitte der Rampe treten. Sie würde ihren Körper ungemütlich nach hinten verlagern müßen aber das wäre ihr völlig egal solange sie keine Veränderung in ihrem Rhythmus vornehmen musste. Sie nahm die Rampe und sie trat genau auf die Mitte. Noch zwei Schritte. Dann drehte sie sich um und setzte sich.
Mir zugewandt nahm sie mich immer noch nicht wahr. Ich war nur ein Beobachter. Dann tat sie etwas Ungewöhnliches. Sie nahm die Hand mit dem Schlüsselbund, führte sie an ihren Hals, die Stelle direkt unter ihrem Ohr und ließ ihre Handfläche mit dem Schlüsselbund darin ganz langsam an ihrem Hals hinunter gleiten. Vorbei an ihrer Schulter bis kurz über ihre Brust. So wie man es mit Dingen tun würde, die sich sehr gut oder sogar erotisch anfühlen. So wie man nach einem anstrengenden Tag einen weichen, heissen Schwamm unter der Dusche benutzen würde. Ihr Gesicht veränderte sich dabei nicht. Es dauerte nur einen kurzen Moment. Dann ließ sie ihren Arm wieder sinken, saß kerzengrade auf ihrer Bank und starrte weiter geradeaus ins Leere. Spielte nicht mehr. Tat nichts.
Ich hatte die ganze Zeit gebannt zugesehen. Es war natürlich keine große Sache was sie da getan hatte aber ich war trotzdem tief in der Szenerie versunken. Nun da sie ihre seltsame Liebkosung beendet hatte, fühlte ich mich mit einem Ruck wieder in mein Auto an der Ampel versetzt. Ich atmete wieder. Ein Gefühl des sich orientieren müssen nachdem die Welt angehalten wurde und das vermutlich jeder hin und wieder erlebt.
Sie gehörte zu diesen Menschen, die immer etwas zerbrechlich wirken und bei denen man fast automatisch einen psychischen Defekt oder wenigstens eine Besonderheit annehmen würde. Ich nicht. Oder vielleicht weigerte ich mich nur. Ich mochte sie und ich mochte das was sie gerade getan hatte während die Ampel grün schaltete und es vorbei war.
(Michael Heinbockel)




