Tagesarchiv für 13. Oktober 2007

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Das Marmeladenglasäffchen

Samstag, den 13. Oktober 2007

Die Frau schraubte den Deckel des Glases fest zu und stellte es leise auf die Arbeitsplatte ihrer Küche. Dann ging sie einige Schritte rückwärts, setzte sich an ihren Küchentisch und beobachtete das Äffchen. Es war kaum größer als eine Heuschrecke, sprang im Glas hin und her und schrie. Es war von der jähen Gefangenschaft erschrocken. Die Frau konnte es in seinem Glas nicht hören. Sie sah nur wie es das Maul aufriss und schrie. Sie hörte das leise Ticken seiner winzigen Krallen wenn es gegen das Glas sprang. Nach einiger Zeit war das Marmeladenglasäffchen ruhig.

Die Sonne schien durch das Fenster. Die Küche war hell und freundlich. Die Frau saß reglos am Tisch und starrte jetzt durch das Marmeladenglasäffchen hindurch. Auf dem Herd kochte ein Topf Wasser für das Mittagsessen. Aus der Wohnung waren gedämpfte Geräusche zu hören. Die Frau macht eine Faust und schlug sich mit einer blitzschnellen Bewegung ins Gesicht um sofort wieder zu erstarren. Das Marmeladenglasäffchen sprang fast zeitgleich auf und schrie. Ein bisschen Blut rann von der Lippe der Frau. Sie wischte es langsam mit ihrem Zeigefinger auf und legte ihre Hand dann wieder auf ihren Oberschenkel. Ihre Augen glotzen weiter durch das Glas. Für kurze Zeit hatten sie geglänzt als sich der Schmerz durch ihre Augen einen Weg bahnen wollte. Nun wurden sie wieder stumpf. Das Marmeladenglasäffchen war still. Sein Körper hob und senkte sich aber es war nichts zu hören.

Die Frau war in die Küche gekommen um für sich und ihre Familie das Mittagessen zu kochen. Sie war eine freundliche und einigermassen zufriedene Frau als sie die Küche betrat. Die meisten Menschen hätten sie als angenehm und normal bezeichnet. Als sie den Topf für das Wasser aus dem Schrank nahm und darin das Marmeladenglasäffchen sitzen sah, war sie all das nicht mehr. Sie hörte ein Geräusch in ihrem Kopf, daß wie das Zerreissen eines kurzen Stück festen Stoffes klang. Dann drehte jemand einen Dimmer, der das, was sie bisher war, fast bis zur völligen Dunkelheit ausblendete. Eine andere, dumpfe Fremdartigkeit glühte in ihrem Kopf auf, begann zu scheinen und ersetze ihr bisheriges Ich. Mit einer Hand griff sie das kreischende Äffchen mit der anderen öffnete sie einen Schrank und nahm ein leeres Marmeladenglas heraus. Sie warf das Äffchen in das Glas und schraubte den Deckel fest zu. Dann stellte sie es leise auf die Arbeitsplatte ihrer Küche.

Ein bisschen kochendes Wasser spritze zischend aus dem Topf. Die Frau wendete langsam den Kopf. Auf ihren Lippen war verschmiertes, geronnes Blut. Sie stand auf. Das Marmeladenglasäffchen hatte die Augen weit aufgerissen, rührte sich jedoch nicht. Die Frau urinierte. Die Pisse plätscherte auf den Küchenfußboden und rann an ihren Beinen hinab. Die Frau bückte sich und tauchte ihren blutigen Zeigefinger in den Urin. Dann schrieb sie “WÖLFE” auf den Küchenfußboden aber nur “WÖ” und ein Teil des “L” waren leserlich. Dann war ihr Blutfingerhalter leer geschrieben. Der Rest verschwand in ihrer warmen Geheimtinte.

Sie richtete sich auf, nahm das Glas von der Arbeitsplatte und stellte sich vor den Herd. Der heisse Wasserdampf trieb in ihr Gesicht. Sie lies das Mameladenglasäffchen in den kochenden Topf fallen. Einen Moment lang geschah nichts. Dann tobte das Äffchen und versuchte verzweifelt den heissen Wänden seines durchsichtigen Gefängnisses zu entgegen. Es kreischte und wurde mehr und mehr rasend. Diesmal drang seine hohe Stimme ganz leise nach draußen. Das Gesicht der Frau schwebte über dem Topf und glotze in die Blasen und zahlosen Wirbel. Die Haut des Marmeladenglassäffchens färbte sich rot, es tobte und kreischte und langsam bildeten sich Blasen im Gesicht und an den Händen. Das Glas tanzte durch das brodelnde Wasser. Wenig später lag das Marmeladenglasäffchen reglos. Von seinem Körper stieg feiner Dampf auf. Nur die Augen und das Krampfen der winzigen Hände zeigten noch eine Spur Leben.

“Wölfe”, sagte die Frau.

Dann platze das Marmeladenglas und das Äffchen wurde im Topf hin und her getrieben. Es tanzte in dem brodelnden Inferno. Ein winziger Klumpen nasses Fell mit noch winzigeren Inseln aus rotem Fleisch. Die Frau griff in die Spüle neben dem Herd und nahm sich einen schmutzigen Löffel. Aus der Wohnung rief jemand ihren Namen. Sie begann ihre Suppe aus dem kochenden Topf zu löffeln.

(Michael Heinbockel)


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