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Wie man einen Sklaven macht

Sonntag, den 11. November 2007

Muss ich noch fragen um zu wissen, wie es tut
Ins Joch gespannt, die Kehle zugeschnürt
Ich sah es ja bei einem jungen Ochsen
Die Blindheit ist vorbei
Ich habe nachgedacht -
Ich weiss ja, wie man einen Sklaven macht
Aus einem jungen Ochsen.

Er war so jung und glatt
Geboren frei zu sein
Er bat um nichts
War seines Lebens froh
Die Menschen aber wollten ihn sich zähmen
Und taten so, als würde Hilfe ihm gebracht
Ich weiss ja, wie man einen Sklaven macht
Aus einem jungen Ochsen.

Er wehrte sich, er kämpfte um sein Recht
Doch sie umringten ihn, erfahren wie sie sind
Und nutzten ihre List, um ihn zu brechen
Das Kleid der Unschuld deckt viel Niedertracht
Ich weiss ja, wie man einen Sklaven macht
Aus einem jungen Ochsen.

wiemaneinensklavenmacht.jpgEr stand so müde da, er stand allein
Voll Trauer war sein Schrei
Gebell der Qual
Man lockerte den Strick, damit er atme
Und zog ihn wieder zu mit Vorbedacht
Ich weiss ja, wie man einen Sklaven macht
Aus einem jungen Ochsen.

Ich sah ihn später wieder
Sanft - geknickt
Er zog den Pflug, den Doppelfurchenpflug
Er schlurfte tief gebückt einher und stöhnte
Um nicht zu sterben, schleppte er willig seine Fracht
Ich weiss ja, wie man einen Sklaven macht
Aus einem jungen Ochsen.

Ich sah ihn seines Weges ziehen, den Berg hinan
Den Rücken vollgepackt verdiente er sein Brot
Die Arbeitsfreude ist ein Teil der Ernte
So hat sein Schweiß auch seinem Herrn viel eingebracht
Ich weiss ja, wie man einen Sklaven macht,
Aus einem jungen Ochsen.

Soylent network - Klaus Kinski liest Dichtung Afrikanischer Völker

Goodbye

Donnerstag, den 8. November 2007

goodbye my friends, I have to leave,
the thunderstorm has gone,
farewell I wave my enemies,
you were not all that strong.

take care my love, I’m whispering,
for you this rose went by,
I can’t resist your gender games,
nor will I ever try.

and thanks my dog, last fondling,
you’ve been a trusted soul,
I close the door, leave you inside,
and feeling really cruel.

goodbye to goods and properties,
I throw it all away,
not gold, nor jewels nor cars nor bucks,
could ever make me stay.

(Michael Heinbockel)

Das Marmeladenglasäffchen

Samstag, den 13. Oktober 2007

Die Frau schraubte den Deckel des Glases fest zu und stellte es leise auf die Arbeitsplatte ihrer Küche. Dann ging sie einige Schritte rückwärts, setzte sich an ihren Küchentisch und beobachtete das Äffchen. Es war kaum größer als eine Heuschrecke, sprang im Glas hin und her und schrie. Es war von der jähen Gefangenschaft erschrocken. Die Frau konnte es in seinem Glas nicht hören. Sie sah nur wie es das Maul aufriss und schrie. Sie hörte das leise Ticken seiner winzigen Krallen wenn es gegen das Glas sprang. Nach einiger Zeit war das Marmeladenglasäffchen ruhig.

Die Sonne schien durch das Fenster. Die Küche war hell und freundlich. Die Frau saß reglos am Tisch und starrte jetzt durch das Marmeladenglasäffchen hindurch. Auf dem Herd kochte ein Topf Wasser für das Mittagsessen. Aus der Wohnung waren gedämpfte Geräusche zu hören. Die Frau macht eine Faust und schlug sich mit einer blitzschnellen Bewegung ins Gesicht um sofort wieder zu erstarren. Das Marmeladenglasäffchen sprang fast zeitgleich auf und schrie. Ein bisschen Blut rann von der Lippe der Frau. Sie wischte es langsam mit ihrem Zeigefinger auf und legte ihre Hand dann wieder auf ihren Oberschenkel. Ihre Augen glotzen weiter durch das Glas. Für kurze Zeit hatten sie geglänzt als sich der Schmerz durch ihre Augen einen Weg bahnen wollte. Nun wurden sie wieder stumpf. Das Marmeladenglasäffchen war still. Sein Körper hob und senkte sich aber es war nichts zu hören.

Die Frau war in die Küche gekommen um für sich und ihre Familie das Mittagessen zu kochen. Sie war eine freundliche und einigermassen zufriedene Frau als sie die Küche betrat. Die meisten Menschen hätten sie als angenehm und normal bezeichnet. Als sie den Topf für das Wasser aus dem Schrank nahm und darin das Marmeladenglasäffchen sitzen sah, war sie all das nicht mehr. Sie hörte ein Geräusch in ihrem Kopf, daß wie das Zerreissen eines kurzen Stück festen Stoffes klang. Dann drehte jemand einen Dimmer, der das, was sie bisher war, fast bis zur völligen Dunkelheit ausblendete. Eine andere, dumpfe Fremdartigkeit glühte in ihrem Kopf auf, begann zu scheinen und ersetze ihr bisheriges Ich. Mit einer Hand griff sie das kreischende Äffchen mit der anderen öffnete sie einen Schrank und nahm ein leeres Marmeladenglas heraus. Sie warf das Äffchen in das Glas und schraubte den Deckel fest zu. Dann stellte sie es leise auf die Arbeitsplatte ihrer Küche.

Ein bisschen kochendes Wasser spritze zischend aus dem Topf. Die Frau wendete langsam den Kopf. Auf ihren Lippen war verschmiertes, geronnes Blut. Sie stand auf. Das Marmeladenglasäffchen hatte die Augen weit aufgerissen, rührte sich jedoch nicht. Die Frau urinierte. Die Pisse plätscherte auf den Küchenfußboden und rann an ihren Beinen hinab. Die Frau bückte sich und tauchte ihren blutigen Zeigefinger in den Urin. Dann schrieb sie “WÖLFE” auf den Küchenfußboden aber nur “WÖ” und ein Teil des “L” waren leserlich. Dann war ihr Blutfingerhalter leer geschrieben. Der Rest verschwand in ihrer warmen Geheimtinte.

Sie richtete sich auf, nahm das Glas von der Arbeitsplatte und stellte sich vor den Herd. Der heisse Wasserdampf trieb in ihr Gesicht. Sie lies das Mameladenglasäffchen in den kochenden Topf fallen. Einen Moment lang geschah nichts. Dann tobte das Äffchen und versuchte verzweifelt den heissen Wänden seines durchsichtigen Gefängnisses zu entgegen. Es kreischte und wurde mehr und mehr rasend. Diesmal drang seine hohe Stimme ganz leise nach draußen. Das Gesicht der Frau schwebte über dem Topf und glotze in die Blasen und zahlosen Wirbel. Die Haut des Marmeladenglassäffchens färbte sich rot, es tobte und kreischte und langsam bildeten sich Blasen im Gesicht und an den Händen. Das Glas tanzte durch das brodelnde Wasser. Wenig später lag das Marmeladenglasäffchen reglos. Von seinem Körper stieg feiner Dampf auf. Nur die Augen und das Krampfen der winzigen Hände zeigten noch eine Spur Leben.

“Wölfe”, sagte die Frau.

Dann platze das Marmeladenglas und das Äffchen wurde im Topf hin und her getrieben. Es tanzte in dem brodelnden Inferno. Ein winziger Klumpen nasses Fell mit noch winzigeren Inseln aus rotem Fleisch. Die Frau griff in die Spüle neben dem Herd und nahm sich einen schmutzigen Löffel. Aus der Wohnung rief jemand ihren Namen. Sie begann ihre Suppe aus dem kochenden Topf zu löffeln.

(Michael Heinbockel)

Warum habe ich nicht…

Dienstag, den 2. Oktober 2007

Warum hab ich nicht deine Lächeln gesammelt
Wie seltene Kostbarkeiten?
Und den Schatten aufbewahrt
Den du auf unsre Wege warfst?
Warum legte ich nicht deine Blicke
Aus Topas und Gold auf die Seite
Enormes Vermögen für später
Wenn deiner Zärtlichkeit Vorrat
Zu Ende geht?

Ich verschwendete deine Innigkeiten
Mir bleibt keine Schallplatte deiner Schritte
Der Sturm hat deine Umarmungen verstreut
Und die mit Küssen gefüllten
Roten Speicher zerstört
Der letzte Laut deiner Stimme
Verlor sich im Sand -
Vergebens zeichne ich dein Profil
In den Rauhreif meines Fensters.

Claire Goll

Gefunden im Quasar-Blog.

Todesfuge

Donnerstag, den 8. Februar 2007

Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens
wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab
in den Lüften
da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus
der spielt mit den Schlangen
der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus
und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor
läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns
spielt nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags
wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus
und spielt mit den Schlangen
der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete

Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften
da liegt man nicht eng

Er ruft
stecht tiefer ins Erdreich ihr einen
ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt
er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen
ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags
wir trinken dich abends
wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft
streicht dunkler die Geigen
dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken
da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe
wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens
wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel
er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus
dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns
er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet
der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

(Paul Celan)


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